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Rettungsdienst: Blaues Licht und Rotes Kreuz

Nonstop auf dem Sprung: 24 Stunden unterwegs mit dem Rettungsdienst des Roten Kreuzes

Jenniffer Schmid und André Lipinski mit einer Patientin auf dem Weg zum Rettungswagen

24 Stunden können lang werden: André Lippinski, Lars Herr, Jenniffer Schmid und Maik Döring verbringen die Zeit zwischen den Einsätzen im Aufenthaltsraum

Die Zukunft des Rettungsdienstes beschäftigt in diesem Jahr wie selten zuvor die Menschen im Landkreis Hildesheim. Doch was die Retter täglich leisten müssen, wissen die wenigstens. Ein Blick hinter die Kulissen der Rettungswache in Sehlem.

Im Ernstfall sind sie zur Stelle – Lars Herr und seine Kollegen vom Deutschen Roten Kreuz Alfeld. 24 Stunden lang halten sie sich bereit für den Notfall. In ihrem Job gibt es keine Routine. Geht der Alarm, müssen sie blitzschnell und konzentriert handeln.

120 Sekunden, nicht länger! Dann müssen Lars Herr und Maik Döring nach der Alarmierung im Rettungswagen sitzen. Der Alarm führt sie am Sonntagvormittag um 10.17 Uhr in ein Dorf in der Nähe: Eine Frau ist die Treppe runtergestürzt. Als die Rettungsassistenten am Haus der Rentnerin ankommen, erwartet die sie bereits an der Haustür. Lars Herr und Maik Döring begrüßen die Frau mit einem freundlichen „Guten Morgen“. Die Frau lächelt gequält, für sie ist es kein guter Morgen. Sie hat Schmerzen im Fuß. Nach einer ersten kurzen Untersuchung und Befragung bringen die Rettungsassistenten die Frau in ein Krankenhaus nach Hildesheim. Jeder Einsatz wird genau protokolliert.

Wieder zurück in Sehlem sind auch die Kollegen Jenniffer Schmid und André Lipinski, die Besatzung des zweiten Fahrzeugs, das in Sehlem stationiert ist, von einem Krankentransport wieder zurück. In Sehlem wird sieben Tage die Woche ein Rettungswagen rund um die Uhr vorgehalten. Ein zweiter Rettungswagen ist von 7 bis 23 Uhr im Dienst. Das Einsatzgebiet der Wache erstreckt sich von Glashütte über die Samtgemeinden Lamspringe und Sibbesse bis Bad Salzdetfurth. In höchstens 15 Minuten müssen die Retter die Orte erreichen.

Die Rettungswache an der Hauptstraße in Sehlem, in den Räumen einer ehemaligen Schlachterei, hat neben den Lagerräumen für Material und Medikamente einen Aufenthaltsraum mit Schreibtisch für Büroarbeiten, einen Schlafraum mit zwei Betten, eine kleine Küche und ein Bad. Als weitere Schlafgelegenheit steht ein Wohnwagen auf dem Gelände. Seit das zweite Fahrzeug samt Besatzung in Sehlem stationiert ist, ist es ziemlich eng. Deshalb ist ein Neubau an der Evensener Straße geplant. Für den Erhalt des Standortes haben sich sowohl die örtlichen Politiker als auch der Rettungsdienst im vergangenen Jahr sehr eingesetzt.

Der Neubau soll eigentlich Anfang 2012 stehen, doch im Moment ist von Bauarbeiten noch nichts zu sehen. Überhaupt wird sich für die Sehlemer Retter ab 2012 wohl einiges ändern. Nach dem derzeitigen Stand des Ausschreibungsverfahrens des Landkreises soll die Wache ab dem 1. Januar 2012 vom ASB besetzt werden. Die Mitarbeiter werden von der Organisation übernommen, so ist es vertraglich festgelegt. Doch Lars Herr und seine Kollegen sehen der Zukunft mit gemischten Gefühlen entgegen. Zwar bleibt ihr Arbeitsplatz erhalten, doch viele sind nebenbei ehrenamtlich beim Deutschen Roten Kreuz engagiert. „Das kann man dann in Zukunft wohl nicht mehr miteinander vereinbaren“, sagt André Lipinski. Auch die gewachsenen Strukturen würden dadurch beeinträchtigt, befürchten die Retter. Die angestammten Hilfsorganisationen verfügen über ein großes Netz von Ehrenamtlichen, die auch im Ernstfall die Arbeit der Retter unterstützen.

 

Der dritte Einsatz führt die Besatzung des zweiten Rettungswagens an diesem Sonntag um 13.30 Uhr zu einer jungen Frau, die kollabiert ist. Mit dem Fahrzeug kommen André Lipinski und Jenniffer Schmid nicht ganz bis zum Haus und müssen das letzte Stück mit dem Notfallrucksack auf dem Rücken laufen. Nach eingehender Untersuchung und Befragung bringen die Retter die junge Frau schließlich mit der Trage in den Rettungswagen und fahren sie in ein Krankenhaus in Hildesheim. Sie ist sehr aufgeregt, doch André Lipinski sitzt im Rettungswagen hinten neben ihr, und während er ständig das EKG im Auge behält, spricht er beruhigend auf sie ein. „Heute gibt’s Pizza Margarita in flüssiger Form“, sagt er schmunzelnd mit Blick auf die Elektrolytlösung, die zur Kreislaufstabilisierung in die Venen läuft. Vielleicht etwas abgedroschen der Spruch, doch bei der jungen Frau zeigt er Wirkung. Sie lächelt und auch der Puls geht langsam wieder runter.

Wieder zurück in Sehlem werden alle benötigten Medikamente ersetzt, die Trage desinfiziert. Der Wagen ist wieder einsatzbereit. Jeder Dienst beginnt mit dem Check des Einsatzfahrzeuges. Die Retter kontrollieren das komplette Fahrzeug nach einem speziellen Beladeplan, darunter auch den so genannten „Actiontower“, der Ausrüstungsschrank, der auch von außen zugänglich ist, mit Notfallrucksack, EKG, Beatmungsgerät mit Sauerstoff, Absaugpumpe usw.

Für Notfälle an denen Kinder betroffen sind, gibt es extra Geräte sowie einen speziellen Kinder-Notfallkoffer mit Blutdruckmanschette, Stethoskop und speziellen Sauerstoffmasken für Kinder, aber auch Teddys als Seelentröster.
 „Jede Schicht kontrolliert zuerst, ob alles da ist und funktioniert“, erklärt Lars Herr die Notaufnahme auf vier Rädern. „Das dauert so gut eine Stunde.“
Anschließend wird die Wache gereinigt und desinfiziert. Zwischen den Einsätzen sitzen die Retter im Aufenthaltsraum, unterhalten sich, lesen oder erledigen ihre zusätzlichen Aufgaben wie Lars Herr, der Beauftragter für das Qualitätsmanagement ist. 24 Stunden können lang werden.

Dass sie mit Leid, Krankheit und nicht selten auch mit dem Tod konfrontiert sind, bringt ihr Beruf mit sich. „Besonders schlimm ist es, wenn Kinder betroffen ist“, sagt Maik Döring. „Einige Einsätze lassen einen nicht so schnell los.“ Doch es gibt auch erfreuliches, etwa Geburten. Einigen Babys hat Maik Döring schon im Rettungswagen auf die Welt geholfen.Und auch an diesem Sonntag führt ein Einsatz am späten Abend zu einer Schwangeren. Sie ist in der 39. Woche, hat einen Blasensprung und wird in ein Krankenhaus gebracht. Kurz nach Mitternacht wieder eine Alarmierung: Wohnhausbrand mit zwei vermissten Personen. Am Einsatzort stellt sich das ganze als Fehlalarm heraus.Das komme schon mal vor, sei aber eher selten, erzählen die Retter. „Die meisten rufen aus echter Sorge an und nicht mutwillig“, sagt Jenniffer Schmid, die in Alfeld auch hin und wieder schon zu alkoholisierten Discobesuchern gerufen wurde. „Die hätten dann vielleicht auch einfach mit dem Taxi nach Hause fahren können“, sagt sie. „Aber besser einmal mehr anrufen als gar nicht.“ Überhaupt würden die Stadtbewohner schneller den Notruf anrufen, erzählen die Rettungsassistenten. Die Landbewohner warteten oft bis auf den letzten Drücker.

Die Wache in Sehlem ist bei der Bevölkerung akzeptiert. „Es kommt auch schon mal vor, dass einfach jemand klingelt, wenn er Hilfe braucht“, sagt Lars Herr. „Das ist schon manchmal kurios.“ Der Lamspringer arbeitet seit acht Jahren beim Rettungsdienst und ist mit 34 Jahren der älteste in der Schicht. Kollege Maik Döring ist seit zehn Jahren dabei und ist zugleich als Lehrrettungsassistent zuständig für die Ausbildung. Neben neun Rettungsassistenten sind auch zwei Auszubildende auf der Sehlemer Wache stationiert.

Nach 24 Stunden ist die Schicht von Lars Herr und Maik Döring zu Ende. Montagmorgen. Es scheint ein sonniger Tag zu werden.

Petra Bernotat-Meyfarth

 

 

30. August 2011 00:00 Uhr. Alter: 262 Tage