Eine Reise ins späte Mittelalter
22. Hilfetransport des DRK Lamspringe nach Rumänien
Auch in diesem Herbst startete von Lamspringe aus wieder ein Hilfetransport nach Rumänien. Für Norbert Halter vom DRK Ortsverein Lamspringe war es die 22. Fahrt. Dieses Mal wurde er von Dr. Peter Bauch vom DRK Kreisverband Alfeld begleitet. Für ihn war es die zweite Fahrt nach Rumänien. Seine Eindrücke hat er aufgeschrieben. Sie werden von Anmerkungen von Norbert Halter ergänzt.
Mit einem VW-Bus, der auf dem Dach Blaulicht und Martinshorn montiert hatte, machen wir uns auf nach Rumänien. An Bord: Medikamente, Hilfsmittel wie Rollatoren, Gehhilfen und vieles andere sowie Bargeld für den Kauf von Nahrungsmitteln für die Hilfsaktion des Rumänischen Roten Kreuzes (RRK) in Salaj.
Kurz hinter der Grenze, an der wir nach der Ausweiskontrolle durchgewinkt werden, sehen wir schon den Fabrikschlot von Oradea. Dort befindet sich der Sitz des örtlichen RRK mit Apotheke und angeschlossenem Katastrophen–Depot. Der Eingang ist baulich geradezu eine Unfalleinladung, genau wie auch viele Straßen, die Löcher, Gräben für Oberflächenwasser und Plattenverwerfungen aufweisen. Wir werden nett empfangen, ich muss Whisky zur Begrüßung trinken. Nach dem Ausladen der Medikamente und Hilfsmittel werden wir zum Essen in ein Restaurant eingeladen.
Weiter geht es am späten Nachmittag nach Zalau zum RRK Sitz mit der dortigen RRK Direktorin Laura Bungenteanu, die vor mehr als 20 Jahren die Lebensmittelhilfe ins Leben gerufen hat und bis heute vor Ort koordiniert. Dort schlafen wir auf Sesseln im Büro. Für Laura Bungenteanu gibt es eine besondere Auszeichnung. Zu ihrer großen Überraschung erhält sie die Henry-Dunant-Medaille, die höchste Auszeichnung des Deutschen Roten Kreuzes in Niedersachsen. Die Zeitungen und sogar das örtliche Fernsehen berichten anschließend ausführlich darüber.
Am nächsten Tag kaufen wir beim Großhändler 20 Tüten mit Grundnahrungsmitteln. Laura hatte von einem Ortsbürgermeister eine Liste mit besonders bedürftigen Familien bekommen. Mit Hilfe einer Gemeindemitarbeiterin liefern wir die Nahrungsmittel direkt bei den genannten Adressen ab.
Vorher bringen wir in ein Waisenhaus in Cehu Silvaniei Pakete unter anderem mit Öl, Milch und Mehl. Das Heim ist ein Vorzeigeprojekt, ein moderner Neubau, mit großen Wohnschlafräumen und Arbeitsräumen und bietet 110 Kindern und Jugendlichen vom Säuglingsalter bis 18 Jahren Platz. Zurzeit sind 93 Plätze belegt. 60 Prozent der Kinder sind Roma. Viele Kinder sind keine Waisen, sondern wurden aus ihren Familien aufgrund von Problemen wie zum Beispiel Verwahrlosung oder Alkoholismus herausgenommen.
Wir dürfen keine Fotos machen. Uns fällt auf, dass vor allem die kleinen Kinder schlafen, obwohl es später Nachmittag ist. Auch die Stille im Gebäudekomplex scheint uns für ein Kinderheim ungewohnt.
Schon die 60 Kilometer lange Hinfahrt nach Lozna, einem Bergdorf mit 1.200 Einwohnern und 744 Einzelwirtschaften, ist eine einzige Deeskalation: Je weiter wir uns von den großen Verkehrswegen entfernen, umso mehr leer stehende Häuschen sind zu sehen. Charakteristisch für die Gegend sind kleine einstöckige etwa fünf mal acht Meter große Häuschen. Wenn bei uns in Deutschland schon viel Mais angebaut wird, hier in Rumänien sehen wir fast nur Maisfelder. Ich frage mich wofür.
Die Straßen werden immer schlechter. In den Dörfern wird Oberflächenwasser in Gräben neben der Straße abgeleitet.
Es gibt keine Kanalisation, kein fließendes Wasser – Ziehbrunnen an beinahe jedem Grundstück und Plumps-Klosetts. Aber fast alle Häuser haben elektrischen Strom, und wir haben neben den Holzherden in den Stuben auch TV-Geräte gesehen.
Das Bürgermeisteramt ist ein zweigeschossiger Bau, das Büro mit allen modernen elektronischen Hilfsmitteln ausgestattet. Ein geräumiger Konferenzsaal ist vorhanden. Auf unsere Frage nach einem WC bekommen wir allerdings zur Antwort: „Hinter dem Haus, ein Plumps-Klosett und ein Standloch.“
Die Straßen sind hier zum Teil wellig, weiter am Rand gibt es unbefestigte Wege. Zum Glück ist es trocken, sodass wir nicht ausrutschen können. Wir gehen die Wege teilweise im Gänsemarsch. Immer wieder treffen wir auf Bohlenstege. Die bewohnten Hütten sind zum Teil in einem baufälligen Zustand. Im zugleich Wohn-, Koch- und Schlafraum lagern Erntefrüchte zum Trocknen, gleich neben der Wäsche. Über allem laufen Katzen, Hunde und Federvieh. Einige Räume sind sehr ordentlich, in vielen herrscht aber einfach nur Chaos.
Altertümlich erscheint uns ein künstlicher Hügel als kühlende Erdkammer zum Aufbewahren von Lebensmitteln wie Kartoffeln, Äpfel und anderem Gemüse. Die Kinder gehen oft kilometerweit auf Feldwegen zur Schule.
Für uns ist es immer wieder beschämend, wie dankbar einzelne Bedachte sind. So werden uns zum Beispiel eine Flasche Obstler und eine Tüte Äpfel zum Dankeschön ins Auto gereicht.
Die jungen Erwachsenen sind häufig ohne Arbeit und bekommen nur geringste Unterstützung vom Staat. Meistens arbeiten sie als Tagelöhner. Ein Arbeitsunfall führte bei einem etwa 30-jährigen jungen Mann zu einer Teilamputation des rechten Unterarms. Da er keine Prothese hat, findet er auch keine Arbeit.
Viele Leute sind frühzeitig gealtert und krank, haben kaputte Hüften und Knie, Zahnlücken oder gar keine Zähne. Auch in den vergangenen fünf Jahren seit Norbert Halters letztem Besuch in diesem Dorf hat sich nichts Entscheidendes gebessert.
Der sonnenreiche goldene Oktober hat uns einiges erträglich gemacht. Die familiäre Aufnahme durch die Mitarbeiter des Rumänischen Roten Kreuzes, besonders von Laura Bungenteanu, und die kompetente Übersetzung (englisch – rumänisch)der Medizinstudentin Sorina Petrusan, gaben uns immer das Gefühl, mit unserer Rumänienhilfe effektiv und willkommen zu sein.
Finanzielle Unterstützung und Medikamente sind jederzeit willkommen.
Kontakt:
Norbert Halter, Buchenweg 61, 37581 Bad Gandersheim; 05382 907665; E-Mail
Bankverbindung:
DRK Lamspringe, Sparkasse Hildesheim BLZ 259 501 30, Kt.-Nr. 600 7065; Stichwort: „Rumänienhilfe“

